Jahresbericht 2025

Das vergangene Jahr hielt einige Veränderungen für das Schweizerische Literaturarchiv und damit auch für unseren Förderverein bereit. Nach zwei erfolgreichen Jahrzehnten als Direktorin verabschiedet sich Irmgard Wirtz und Lucas Gisi übernimmt mit dem Jahreswechsel von ihr den Staffelstab und das Amt. So wurden bedeutende Weichen gestellt, damit das SLA auch in Zukunft so umsichtig und erfolgreich geführt wird, wie es bisher der Fall war. Der Vorstand des Fördervereins freut sich darauf, dem SLA weiterhin bei den künftigen Projekten als hilfsbereiter Partner zur Seite zu stehen.
Das Jahr nahm wie üblich bei unserer Mitgliederversammlung seinen Auftakt. Am 8. März trafen wir uns bereits zum zweiten Mal in der Universitätsbibliothek Münstergasse in Bern, wo wir trotz des sonnigen Wetters und der zeitgleich stattfindenden Berner Fasnacht eine rege Teilnahme registrieren konnten.
Zunächst würdigte der Vorstand die Arbeit der beiden scheidenden Mitglieder Renato Martinoni und Benedikt Tremp. Sowohl Renato Martinoni, der die italienischsprachige Schweiz repräsentierte, wie auch Benedikt Tremp, der über mehrere Jahre hinweg den Jahresbericht verantwortete, haben sich intensiv für den Förderverein eingesetzt. Ihr Engagement bedeutet dem Verein viel und es sei ihnen auch an dieser Stelle noch einmal gedankt. Sie beide widmen sich nun neuen Aufgaben und Projekten, wobei wir ihnen weiterhin nur das Beste wünschen.
Ebenfalls im administrativen Teil der Versammlung wurden daraufhin die neuen Mitglieder Mevina Puorger, Simon Willemin, Silvia Serena Tschopp, Sabine Barben, Isabelle Balmer und Karl Clemens Kübler in den Vorstand gewählt (S. 6). Sie unterstützen die bisherigen Vorstandsmitglieder bei der Organisation der Versammlungen, bei der Vergabe der Stipendien, bei der Mitgliederwerbung und beim Verfassen der Berichte.
Der 8. März markierte jedoch nicht nur der Tag der Berner Fasnacht, sondern selbstverständlich auch den Internationalen Frauentag. In diesem Sinn gestaltete sich auch die weitere Sitzung. Im Hauptteil der Mitgliederversammlung stellten Lena Brügger und Sophie Mikosch jeweils die von ihnen erschlossenen Nachlässe und Archive von Schriftstellerinnen im SLA vor. Lena Brügger berichtete von der Erschliessung des Nachlasses von Irmgard von Faber du Faur, wobei das Bild einer komplexen Schriftstellerin erkennbar wurde, deren Werk der weiteren Erforschung noch harrt. Sophie Mikosch präsentierte die von ihr erschlossenen neuen Teile des Archivs von Erica Pedretti und auch hier wurde deutlich, wie viele Gelegenheiten zu weiterführenden Recherchen ein solcher Nachlass noch bietet. Der Vorstand dankt ihnen herzlich für ihre wichtige Mitwirkung, den Mitgliedern für die finanzielle Unterstützung und Rosmarie Zeller, die das Pedretti-Stipendium mit einer grosszügigen Spende möglich gemacht hat.
Auch der öffentliche Teil stand ganz im Zeichen von Schweizerinnen im Literaturbetrieb. Wir konnten Klara Obermüller und Pia Reinacher für ein öffentliches Gespräch über Leben, Lektüren und die Literatur spezifisch aus weiblicher Perspektive gewinnen. Die Autorin und die Kritikerin schöpften im Gespräch mit Joanna Nowotny aus ihrem reichen Erfahrungsschatz aus vielen Jahrzehnten Engagement für die Literatur und teilten ihre pointierten Lese- und Schreiberfahrungen mit dem interessierten Publikum.
Nach der Mitgliederversammlung ist vor der Vergabe neuer Stipendien. Dank der Mitgliederbeiträge, der Gelder aus Fonds und einer weiteren grosszügigen Spende von Rosmarie Zeller konnten wir in diesem Jahr fünf Stipendien vergeben: Den Bestand von Gerold Späth hat Carol Blaser erschlossen (S. 8), Patric Hediger jenen von Jürg Läderach (S. 10) und Ami Lou Parsons zeigte sich für den französischsprachigen Bestand von Jean François Duval verantwortlich (S. 16). Hinzu kamen zwei Ammann-Verlags-Stipendien: einmal das Stipendium an Céline Burget für die Erschliessung des ersten Teils des Bestandes von Silvio Blatter (S. 12) und zweitens dasjenige an Réka Gaál für die Erschliessung des mehrsprachigen Vorlasses von Christina Viragh (S. 14). Der Vorstand dankt ihnen allen für ihren wertvollen und erfolgreichen Einsatz im und für das Literaturarchiv ganz herzlich. Auch hier freuen wir uns über die Trouvaillen aus den Beständen und über die Grundlagenarbeit, die für die weitere Forschung unverzichtbar ist.
Der Sommer war dann wie bereits angemerkt von einer bedeutenden Personalfrage geprägt. Wer sollte auf Irmgard Wirtz an der Spitze des SLA folgen? Gegen zahlreiche Mitbewerber:innen konnte sich Lucas Marco Gisi zuletzt durchsetzen und wird zum 1. Januar 2026 neuer Direktor. Gisi ist gewiss kein Unbekannter im SLA. Er ist italienischer und deutscher Muttersprache und in der Nähe von Bern aufgewachsen. Er hat an den Universitäten Bern und Florenz Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert. Ausserdem absolvierte er an der ZHAW einen MAS in Public Management. Gisi war zuvor als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter an den Universitäten Bern, Basel und Lausanne sowie an der FHNW, als Gastlektor in Dänemark und als Visiting Scholar an der University of California Berkeley tätig. Von 2009 bis 2018 leitete er das Robert Walser-Archiv in Bern. Seit 2018 ist er Co-Leiter des Dienstes Forschung und Vermittlung im SLA. Daneben lehrt der 49-jährige seit 2016 an der Universität Neuchâtel. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur Schweizerischen Literatur und zur Literatur der Moderne.
Irmgard Wirtz wird in den Jahren 2026/27 das Schweizerische Literaturarchiv weiter als wissenschaftliche Projektleiterin unterstützen und das SNF-Projekt „Kryptophilologie“ zu Jonas Fränkel gemeinsam mit der ETH Zürich leiten. Auf S. 4 dieses Berichts folgt ein Überblick über ihre von zahlreichen Erfolgen geprägte Ägide.
Ihr gemeinsam mit Andreas Kilcher (ETH Zürich) verantwortetes Projekt zu Fränkel beging 2025 einen feierlichen Anlass: Vom 15.–17. Oktober fand eine vom SLA und der ETH Zürich organisierte öffentliche Tagung in der Schweizerischen Nationalbibliothek statt. Internationale Gäste widmeten ihre Vorträge dem Kryptischen, der Wissenschaft im Verborgenen. Nicht zu verbergen hat sich indes auch der übrige Veranstaltungskalender 2025 – so boten etwa die vom Literaturarchiv organisierten literarischen Soiréen in der Villa Morillon auch im vergangenen Jahr mehrmals die Gelegenheit, an erhellenden Gesprächen über Literatur teilzuhaben.
Schliesslich brachte das Jahr auch eine traurige Nachricht mit sich. Im Alter von 100 Jahren ver starb der Dichter Eugen Gomringer im August. Als versierter Kenner des Archivs und als dessen Kurator würdigt Benedikt Tremp in seinem Nachruf dessen Werk und die Spezifik des Bestandes (S. 18).
Thomas Geiser
Frühere Jahresberichte
2024
2023
2022
2021
2020
2018
2017
2016
2015
2014
